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Spuren der internationalen Sexarbeiterinnenbewegung in der Schweiz

Frauen, die ihren Unterhalt mit dem Verkauf von Sex verdienten, waren lange Zeit eines der zentralen Diskurs- und Zielobjekte bürgerlich-feministischer Politiken. Im Zuge der Frauenbewegungen der 1970er Jahre begannen sich Sexarbeiterinnen in Westeuropa und den USA erstmals kollektiv zu organisieren. Über Streiks, Kongresse, Zeitschriften und Vereinsgründungen trugen sie ihren Missmut über Diskriminierung und Repression in die Öffentlichkeit und forderten mehr soziale Rechte als Frauen, Bürgerinnen und Sexarbeiterinnen.
Die Initialzündung gaben hunderte von Sexarbeiterinnen, die im Juni 1975 aus Protest gegen Polizeirepression mehrere Kirchen in Lyon, Paris, Grenoble und Marseille besetzten. Für bereits bestehende Selbstorganisationen wie die 1973 von Margo St. James in San Francisco gegründete Gruppe Call Off Your Old Tired Ethics (Coyote) und das 1975 in London entstandene English Collective of Prostitutes waren die Proteste in Frankreich Anlass für eine Internationalisierung ihres Aktivismus.
Bei der Kirchenbesetzung in Paris mit dabei war auch die Genfer Schriftstellerin und Sexarbeiterin Grisélidis Réal. Sie trug den Protest der internationalen Sexarbeiterinnenbewegung in die Schweiz nach Genf. 1982 gründete sie zusammen mit Sozialarbeiterinnen Aspasie, den schweizweit ersten Verein von und für Sexarbeiterinnen. Inspiriert war der Vereinsname von Aspasia von Milet, Philosophin und Rednerin im antiken Athen und die zweite Frau Perikles, die von antiken Komödien-Verfassern als Kurtisane und Prostituierte diffamiert worden war. Seit den 1980er Jahren setzte sich Aspasie als Verein und Fachstelle für die Rechte von in der Sexarbeit tätigen Frauen ein.

Quelle: Einladung zur Gründungsversammlung von Aspasie, 29. April 1982
Quelle: Gründungsprotokoll Aspasie, 5. Mai 1982

Grisélidis Réal agierte über die Landesgrenzen hinweg und wurde zu einer zentralen Akteurin der internationalen Sexarbeiterinnenbewegung. Sie nahm am Ersten und Zweiten Welthurenkongress 1985 und 1986 teil, gehörte zu den Mitgründerinnen des International Committee for Prostitutes› Rights und verfasste die World Charter for Prostitutes’ Rights mit.

Quelle: Prostituées de tous les pays, in: Le Matin, 20. Februar 1985
Quelle: International Committee for Prostitutes’ Rights, World Charter for Prostitutes’ Rights, Amsterdam, Februar 1985
Quelle: Schreiben Grisélidis Réal an die UNO-Menschenrechtsbeauftragte Hoang Lan Phuong, 18. September 1986

In den vergangenen zwanzig Jahren hat Aspasie den Fokus auf die Situation von Frauen, Männern, trans- und intersexuellen Menschen im Sexgewerbe geweitet. Seit dem Jahr 2000 ist Aspasie zudem Mitglied von Procore, dem nationalen Netzwerk zur Verteidigung der Interessen von Sexarbeiterinnen in der Schweiz. 2019 eröffnete Aspasie in Genf das Archiv Grisélidis Réal, in dem die von Grisélidis Réal Zeit ihres Lebens gesammelten Dokumente rund um die Themen Sexarbeit, Sexarbeiterinnenbewegung, Gesundheit, Frauenhandel und Abolitionismus sowie Dokumente zum politischen und künstlerischen Engagement von Grisélidis Réal der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Der zweite Teil von Grisélidis Réals Nachlass befindet sich im Schweizerischen Literaturarchiv in Bern. (sb)

Quellen

Quelle: Einladung zur Gründungsversammlung von Aspasie, 29. April 1982: Fonds Grisélidis Réal.

Quelle: Gründungsprotokoll Aspasie, 5. Mai 1982: Fonds Grisélidis Réal.

Quelle: Prostituées de tous les pays, in: Le Matin, 20. Februar 1985: Fonds Grisélidis Réal.

Quelle: International Committee for Prostitutes’ Rights, World Charter for Prostitutes’ Rights, Amsterdam, Februar 1985, in: Social Text, Nr. 37, 1993, 183–85. https://doi.org/10.2307/466267.

Quelle: Schreiben Grisélidis Réal an die UNO-Menschenrechtsbeauftragte Hoang Lan Phuong, 18. September 1986: Fonds Grisélidis Réal.

Procore: https://procore-info.ch

Aspasie: https://www.aspasie.ch

Fonds Grisélidis Réal: http://archives.aspasie.ch/index.php/informationobject/browse

Nachlass Grisélidis Réal im Schweizerischen Literaturarchiv : https://ead.nb.admin.ch/html/real.html